i will always love you. a.

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Und dann drei Tage später, am 24. August geschah es.

Es war Abend, sie war alleine Zuhause.

An der Haustür klingelte es Sturm.

Sara’s Herz raste als sie die Treppe hinunter rannte, um die Tür zu öffnen. Schnell guckte sie aus dem seitlichen Fenster, wen sie zu erwarten hatte. Und da stand er, schön wie eh und je. Sie beeilte sich die Tür aufzumachen.

„Alex!", rief sie erfreut.

Doch ihr Lächeln erstarb schnell. Er war nicht allein. Zwei gefährlich wirkende Jungen und ein schwarzhaariges, nicht schlecht aussehendes Mädchen standen auf sicherem Abstand hinter ihm.

„Hey, gut das du daheim bist.", fing er nervös an. „Ich hab ein riesen Problem und du weißt nicht wie unangenehm mir das ist, dass ich ausgerechnet zu so einem Anlass zu dir komme und ich hab mir unser zweites Treffen auch eigentlich etwas anders vorgestellt aber ich muss dich um was bitten." Die Worte verschluckend schaute er sie mit erhobenen Augen an. Er wirkte total zerstreut. Sie wartete, bis er weitersprach. Es schien ihm wirklich schwer zu fallen. Er atmete noch einmal durch und ihr fiel auf, dass er wieder nach Zigarettenqualm roch.

„Es geht um folgendes..." Er legte seine Handflächen aufeinander. „ich brauch‘ Geld."

Zögernd guckte Sara ihn an. „Wie viel und wozu?"

Alex hatte anscheinend gehofft, dass sie das nicht fragen würde, denn er verzog sein Gesicht.

„Es.. ich.. Ich hab nicht viel Zeit, verstehst du? Ich kann dir das grad nicht erklären aber ich schwöre es dir, du kriegst es zurück, sobald ich das Geld zusammen hab."

„Wie viel brauchst du denn?!" Sara dachte an Chiara’s Worte. War es gut, wenn sie ihm Geld lieh? Würde sie es überhaupt jemals zurückbekommen? Hielt Alex sich an seine Versprechen? Sie wusste es nicht.

„Hundert Euro." Hörbar zog Sara Luft ein.

„Sag mal spinnst du?!", schrie sie an. Durch ein Handzeichen von Alex, senkte sie ihre Stimme. Sie ahnte, dass es etwas mit den Leuten, die er mitgebracht hatte, zu tun hatte. „Ich kann dir doch keine hundert Euro geben und nicht mal wissen, wofür?!"

Er packte sie an die Hand, zog sie in ihr eigenes Haus und schloss leise die Haustür.

„Bist du allein?"

Sara nickte.

„Hör zu, es ist wirklich wichtig. Ich verspreche dir, du kriegst das Geld hundertprozentig im Laufe der Woche zurück."

Sara wollte etwas erwidern aber Alex fuhr fort. „Es ist mir selber sau peinlich, ich werd’s wieder gut machen. Ich weiß, wie bescheuert das alles klingt aber du musst mir vertrauen, okay? Bitte."

Stumm lief Sara in das Schlafzimmer ihrer Eltern. Papa's Geldbeutel wird wohl dran glauben müssen, seufzte sie innerlich. Sie zog zwei Fünfzig-Euro-Scheine heraus und reichte sie ihm. Dankbar schaute er sie an, küsste sie auf die Wange und flüsterte ihr ein „Danke" ins Ohr.

Dann verschwand er.

Sara fragte sich, ob sie einen Fehler gemacht hatte.

 

„Keine Sorge, auf Alex kann man sich verlassen." Die Stimme ihrer besten Freundin, und vor Allem die Worte, die sie sprach,  beruhigten Sara ungemein. Direkt nach dem unerwarteten Besuch, hatte sie Chiara angerufen.

„Wenn er gesagt hat, er gibt dir das Geld wieder, wird er es dir geben. Das Einzige, was mich wundert, ist, dass er dich überhaupt um Geld angebettelt hat. Steht bestimmt irgendwo ganz oben auf seiner No-Go-Liste." Chiara lachte aber Sara war nicht zum Lachen zumute. Sie hoffte, ihr Vater würde den Verlust seines Geldes nicht bemerken, auch wenn sie das für ziemlich unwahrscheinlich hielt. Sie würde ihren Bruder darum bitten, es ihr auszulegen. Das wiederum hatte zur Folge, dass sie ihm alles sagen musste und darauf hatte sie erst recht keine Lust. Was denn, ich hab doch nur einem Jungen, den ich nicht kenne und von dem ich nicht viel Gutes gehört habe und der sich zudem noch mit eigenartigen Typen rumtreibt, hundert Euro geliehen, würde sie sich rechtfertigen müssen. Wie verrückt sich das alles anhörte.    

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5.

 Zwei Tage nach dem unglücklichen Zusammentreffen mit ihrer Mutter klingelte es wieder an der Tür. Sara beschlich ein ungutes Gefühl und sie war sich ziemlich sicher, wer vor der Haustür auf sie wartete. Den vergangenen Tag hatte sie mit lesen, telefonieren und Kreuzworträtsel lösen verbracht. Ihre Mutter hatte seit dem nicht mehr mit ihr geredet und ihrem Vater allem Anschein nach wirklich nichts erzählt, denn dieser behandelte sie nach wie vor normal. Felix, der von der ganzen Sache anscheinend nichts mitbekommen hatte, nervte sie jeden Tag mit der FrageWann bekomm ich endlich mein Geld zurück?!" Kommentare wie Schöne Freunde hast du" waren nicht selten.

Glücklicherweise waren sämtliche Familienmitglieder aus dem Haus, sodass sie ihrer Mutter keine Erklärung schuldig war. Sie stellte sich vor, wie ihre Mutter auf Alex reagieren würde. Woher kennst du ihn? Wie alt ist er? Wo wohnt er? Was arbeiten seine Eltern? Auf die meisten Fragen hätte sie ohnehin keine Antwort gehabt.

 Sara öffnete die Tür. Natürlich war er es.

 „Hey."

 Ihr Herz fing an, schneller zu schlagen aber sie ließ sich nichts anmerken. Schließlich war er derjenige, der an der ganzen Sache Schuld war. Mehr oder weniger genervt guckte sie ihn an. Er schien völlig außer Puste, allerdings glücklich. Glücklich sie zu sehen oder glücklich aus anderen Gründen. Es interessierte sie nicht. Oder vielmehr wünschte sie sich, es würde sie nicht interessieren.

 „Hey, na? Wollte dir dein Geld vorbeibringen."

 Er kramte in seine hintere Hosentasche, holte einen abgewetzten Geldbeutel hervor und zog zwei orangene Scheine heraus.

 „Hier." Er drückte ihr das Geld in die Hand. „Und sorry nochmal, dass ich es mir ausleihen musste."

 „Schon gut.", antwortete sie ihm. Dabei war gar nichts gut.

 „Wie auch immer, zieh dir mal was über, wir gehen."

 Überrascht schaute Sara ihn an.

 „Wir?"

 Er lachte.

 „Klar, oder siehst du hier sonst noch wen?"

 „Ich kann nicht weg." Und rate mal, wer daran schuld ist, lieber Alex.

 „Was, wieso? Klar kannst du."

 Sie schüttelte den Kopf und erklärte ihm die ganze Angelegenheit. Sie konnte es nicht verhindern, dass sie dabei vorwurfsvoll klang. Während sie ihm alles erklärte, stapfte er selbstbewusst in ihr Haus, nahm sich einen Keks aus einer Schale, die ihre Mutter auf dem Couchtisch gestellt hatte und führte sich auf, als wäre er Zuhause. Schließlich landeten sie auf dem Sofa. Er, eine Hand lässig auf der Rücklehne liegend, die andere ständig damit beschäftigt, Kekse in seinen Mund zu schieben.

 Sie, mit den Händen rumfuchtelnd.

Es sah nicht so aus, als würde ihn das alles beunruhigen; Es schien ihm nicht einmal Leid zu tun.

Stattdessen stand er wie selbstverständlich auf, nachdem Sara ihm ausführlich Bericht erstattet hatte, nahm eine ihrer Stoffjacken vom Kleiderhaken neben der Haustür und sagte:

„Also, du hast Hausarrest und deine Mutter ist im Moment in der Arbeit und hat erst vor, spät abends wieder zu kommen, sehe  ich das richtig?" Er schmiss die Jacke auf den leeren Platz neben ihr, auf dem er vor ein paar Sekunden noch gesessen hatte.

„Ehm, ja, aber...", versuchte Sara zu erwidern.

„Na dann passt doch alles. Wir gehen was trinken, ich bring dich rechtzeitig wieder nach Hause und deine Mutter wird nie merken, dass du weg warst."

Er versuchte sie am Arm vom Sofa zu ziehen, aber Sara wehrte sich. Sie konnte doch nicht einfach weggehen, obwohl sie Hausarrest hatte? Was, wenn ihre Mutter doch irgendwie dahinter kommen würde? Vielleicht früher mit der Arbeit fertig werden würde? Sie stellte sich die schlimmsten Szenen vor. Nein, sie würde definitiv zuhause bleiben, auch wenn sie selbst etwas ganz anderes wollte.

 „Komm schon, ich lad dich auf ‘ne Cola ein."

 Sie schnaubte.  „Oh, klar, erst machst du meine Eltern um hundert Euro ärmer, weil du selber anscheinend kein Geld hattest, bringst meine Mutter dazu, mir Hausarrest zu geben, und jetzt willst du mich auf ‘ne Cola einladen? Sag mir einen Grund, warum ich mit dir mitgehen sollte. Stell dir vor, meine Mutter kommt dahinter."

 Er grinste.

 „Naja, ‘ne Menge Mädchen würden viel dafür bieten, mal von mir auf ‘ne Cola eingeladen zu werden."

 „Vollidiot."

 „Und außerdem weißt du ganz genau, dass du mit mir weggehen wirst. Also hör auf mit der Nummer, ich geb‘ eh nich‘ nach."

 „Nein."

 Und das schien für ihn ein Art Stichwort gewesen zu sein. Er packte sie mit beiden Händen um die Hüfte, warf Sara bäuchlings auf seine rechte Schulter und packte im selben Atemzug noch ihre Jacke. Wild um sich tretend versuchte sie sich vergeblich zu befreien.

 „Alex, hör auf, ich..."

 Aber ihre Versuche waren zwecklos. Selbstsicher schritt er durch die Haustür, knallte sie hinter sich zu und machte sich auf dem Weg zu seinem Roller. Mit einem „Ich hoffe, du hast deinen Schlüssel dabei" setzte er sie vor dem Fahrzeug ab und holte aus dem Sitz einen Helm hervor, den er Sara gleich vorsichtig aufsetzte. Dann machte er eine Bewegung als wolle er sagen „Worauf wartest du noch, steig schon auf." Sara gehorchte seinem stummen Befehl und mit ein paar unbeholfenen Bewegungen landete er schließlich vor ihr und steckte den Schlüssel in das Zündschloss. Sara, die eigentlich beschlossen hatte, ihn anzuschweigen, kam nicht umhin, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er mit seinen vierzehn Jahren nicht einmal die Erlaubnis hatte, Roller zu fahren.

 „Ach, ich mach viel Sachen, die nich‘ erlaubt sind, kein Ding, ich werd‘ eh nich' erwischt." Er lachte.

 Sara starrte ihn verständnislos an. Wie konnte er da noch lachen?

„Und was ist mit dir, setzt du keinen Helm auf? Du kannst doch nicht ohne Helm fahren! Wenn wir einen Unfall bauen – und ich hoffe wirklich nicht, dass das der Fall sein wird – brauchst du nicht mich anzumaulen, wenn du dabei drauf gehst." Dass ein Toter nicht in der Lage war, noch irgendjemanden anzumaulen geschweige denn zu sprechen, ließ Sara mal außen vor.

„Wär doch auch egal wenn ich sterben würde, oder? Hauptsache du überlebst." Er sagte das mit solcher Bitterkeit in der Stimme, dass Sara nicht antwortete, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Langsam ließ er den Motor an um gleich darauf Gas zu geben.

Sara hatte sich die Fahrt schlimmer vorgestellt. Er fuhr ein angemessenes Tempo, hielt an, wenn er es musste, nahm keinem die Vorfahrt und integrierte sich gut in den Verkehr ein. Dass er sich wirklich keine Gedanken darüber machte, von der Polizei angehalten werden zu können? Es kam ihr vor, als wär das Leben für ihn nur ein Spiel. Wär doch auch egal, wenn ich sterben würde, oder?   Sie fragte sich, warum er sowas behauptete.

Schließlich kam er vor einer Eisdiele zum Stehen und half Sara, die sichtbar erleichtert war, dass sie heil angekommen waren, beim Absteigen.

„Eisdiele?" Sie guckte ihn verwirrt an. „Ich dachte, wir würden nur was trinken gehen?"

Er zuckte mit den Schultern. „Ist doch egal, wo wir was trinken, oder? Und wenn du Lust auf ‘n Eis kriegst, kannste dir hier gleich was bestellen." Er lächelte sie an, legte seine Hand leicht an ihren Rücken und führte sie zu einem Tisch. Alex schob einen Stuhl hinter und gab ihr zu verstehen, dass sie sich dorthin setzen sollte.

„Du weißt ja sogar, was sich gehört." Sara stützte sich mit ihren Ellbogen ab und legte ihren Kopf in ihre Hände. Lächelnd setzte er sich auf den gegenüberliegenden Stuhl.

„Klar, ich hab sowas voll drauf."

Als der Kellner vorbeikam, hielt Alex ihn kurz am Ärmel fest. „Eine Fanta und ein Bier, bitte."

Der Kellner nickte und verschwand.

„Okay, okay, stopp. Für wen ist das Bier und wieso eine Fanta?!"

Er lachte. „Für dich die Fanta, für mich das Bier. Du wolltest doch schließlich eine."

„Hab ich das mit irgendeinem Wort erwähnt?"

„Ich kann Gedanken lesen, ich brauch dich nicht danach zu fragen, was du willst."

Sara musste sich ein Lachen verkneifen. Alex, der Gedankenleser. Natürlich. Sie guckte ihn herausfordernd an.

„Ach ja, dann kannst du mir doch auch sicherlich verraten, was ich gerade denke?"

Er guckte ihr in die Augen und machte komische Handbewegungen, durch die Sara abermals lachen musste.

„Du denkst gerade, was für ein scharfer Typ ich doch bin." Er grinste sie an. „Stimmt’s?"

Empört wollte Sara etwas erwidern, doch sie wurden von dem Kellner unterbrochen, der ihnen die Getränke brachte. Sie beugte sich zu ihm vor.

„Wie kommt’s dass du mit deinen vierzehn Jahren ein Bier bestellen darfst?!"

Er tat überrascht. „Vierzehn? Ich? Ich hab mich vorhin beim Roller schon darüber gewundert, dass du das behauptet hast." Sie haute ihm abermals auf den Arm.

„Hör auf mit dem Spielchen, du wurdest enttarnt."

„Mh, Lust was anderes mit mir zu spielen?"

Er legte den Kopf schief und guckte sie erwartungsvoll an.

„Du Schwein."

Er grinste. „Wie sieht’s eigentlich aus? Dass du beim ersten Date nicht küsst, weiß ich ja. Was ist mit dem zweiten? Genau genommen, treffen wir uns schon zum dritten Mal."

Innerlich schüttelte Sara vor Erstaunen den Kopf. Dieser Junge war unglaublich.

„Da wirst du noch ein Weilchen warten müssen, mein Lieber."

Sie hatte vor, ihn zappeln zu lassen; Im Hinterkopf immer noch die Warnungen ihrer besten Freundin.

„Mh, schade." Hastig kippte er sein Bier hinunter. „Macht’s dir was aus, wenn ich schnell eine rauche?", fragte Alex sie.

„Muss ich da noch eine Antwort drauf geben? Du machst ja eh, was du willst."

Er grinste, nahm sich eine Zigarette aus seiner Schachtel, zündete sie an und zog einmal kräftig daran. „Sehr richtig. Du lernst schnell."

„Jetzt bin ich aber dran mit fragen.", beeilte Sara sich zu sagen. Einen Moment lang sah es so aus, als würde Alex zögern, aber schnell war er wieder der Alte.

„Schieß los."

„Wofür hast du diese hundert Euro gebraucht?"

Er war dieser Frage schon die ganze Zeit ausgewichen, sie verlangte endlich eine Antwort von ihm.

Als Antwort zog er an seiner Zigarette. Sara wartete, bis er weitersprach. So leicht würde er sich diesmal nicht rausreden können. Sie hatte ein Recht darauf, zu erfahren aus welchem Grund sie Hausarrest bekommen hatte.

„Gute Frage." Er blies den Rauch langsam nach außen.

„Nächste."

„Du…" Er unterbrach sie mit einem einfachen Kopfschütteln

„Ich werd‘s dir nich‘ sagen, also frag nich‘ weiter nach."

In seinem Blick lag etwas, dass Sara es nicht wagte zu widersprechen. Wie schaffte dieser Junge es jedes Mal ihre Vorsätze zu brechen? Schnell wechselte er das Thema und zauberte sich urplötzlich ein Lächeln aufs Gesicht.

„Also, Eis oder kein Eis?"

Aber nach ihrer Fanta war ihr die Lust auf Eis vergangen.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, danke."  

Dann lächelte sie ihn an. „Wieso fragst du eigentlich, wenn du doch eh genau in meinem Kopf lesen kannst, ob ich eins will oder nicht?"

 

 

Unsicher stand Sara vor Alex‘ Roller.

„Ich werde da nicht aufsteigen, solange du dir keinen Helm aufsetzt!"

Er nahm den Helm, den sie ihm entgegen streckte und beugte sich zu ihr.

„Oh doch, das wirst du." Und setzte ihr den Helm auf. „Du müsstest langsam wissen, dass Widerstand zwecklos ist."

Sichtbar zufrieden mit seinem Werk hob Alex die sture Sara auf das Fahrzeug. Als er sich ebenfalls setzte, schlang sie beide Arme um ihn und legte den Kopf auf seinen Rücken.

Lachend drehte er sich zu ihr um.

„Du nutzt das ja sehr aus, dass du dazu verpflichtet bist, dich an mir fest zu halten."

Sara musste schmunzeln.

„Ich wäre ja blöd, wenn ich es nicht ausnutzen würde."

Alex drehte sich wieder um und war damit beschäftigt, den Roller zum Laufen zu bringen. Es war schon am dämmern und Sara hoffte, sie hätte diesmal mehr Glück und ihre Mutter war noch nicht zu Hause. Sie schloss die Augen und die Lichter der Abendlaternen zogen an ihr vorüber und hinterließen helle Flecke hinter ihren Augenlidern.

Sie spürte den kalten Fahrtwind auf ihrer Haut und trotz Jacke fröstelte sie.

Alex‘ warmer Rücken wärmte ihre Wange.

Es wurde eine ruhige Fahrt, es war wenig Verkehr auf der Straße und sie genoss es sehr mit ihm durch die ihr so vertraute Gegend zu fahren. Sie spürte, wie er kaum merkbar die Hand zum Gruß hob. Wen auch immer er da gegrüßt hatte, es interessierte sie nicht. Das einzige, worauf sie sich konzentrieren konnte, waren die Muskeln, die sich unter seinem Shirt spürbar spannten.

Er gefiel ihr, er gefiel ihr sehr sogar.

Und – eingebildet, wie er war – wusste er das vermutlich.

„So, da wären wir."

Alex‘ Stimme unterbrach ihre Gedanken . Waren sie wirklich schon angekommen?

Sara blickte sich um und stellte fest, dass Alex‘ tatsächlich direkt vor dem Gartentor geparkt hatte.

„Na, hast du vor, heute noch abzusteigen?" Alex stand seitlich von ihr und streckte ihr die Hand entgegen. Sara packte sie und schwang ihr Bein herüber, um gleich darauf wieder festen Boden unter ihren Füßen zu spüren.

Wider Erwarten ließ Alex ihre Hand nicht los. Da sie keine Zeit gehabt hatte, einen Schlüssel mitzunehmen, führte sie ihn um das Haus herum zur Kellertreppe. Ein Stein fiel von ihrem Herzen, als Sara sah, dass noch kein Auto vor der Garagentür parkte.

Vorsichtig stieg sie die dunkle Kellertreppe hinunter und fasste in einen leeren Blumentopf, der auf einer Fensterbank stand, um einen Schlüssel herauszuholen. Um die Tür aufzusperren, musste sie zu ihrem Bedauern Alex‘ Hand loslassen, die er aber kurz darauf wieder ergriff. Mit der anderen Hand tastete sie um die Ecke nach dem Lichtschalter. Als sie ihn endlich fand und das Licht trotzdem nicht ansprang, fluchte sie.

Müssen diese Lampen immer dann kaputt gehen, wenn man sie braucht?

 Alex, den sie hinter sich herzog, schien sichtlich vergnügt.

„Also, ich weiß zwar nicht, wo die Reise hingeht, aber ich steh ja auf dunkle Räume."

Sara konnte sich ein „Idiot" nicht verkneifen.

Kurz darauf stiegen sie zusammen die Treppe hoch, die zum Erdgeschoss führte und sie begleitete Alex bis zur Haustür.

„So, und jetzt raus mit dir."

Gehorsam stellte er sich auf die andere Seite der Tür und ließ ihre Hand los. Dann guckte er sie an.

Nach einem kurzen, bedeutenden, stillen Moment war Alex derjenige, der das Schweigen brach.

„Bereust du es, dich deiner Mutter widersetzt zu haben?"

Er sagte das mit einem belustigten Unterton aber Sara hatte das Gefühl, dass er die Frage ernst meinte.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein."

Ihre Antwort war mehr ein Flüstern.

Er beugte etwas nach vorne und Sara hatte einen Moment lang das Gefühl, er würde sie küssen wollen. Doch dann schien er es sich doch anders überlegt zu haben und legte den Arm um ihre Hüfte, um sie zu umarmen. Sara’s Herz raste und sie glaubte, seins würde im selben Takt mitschlagen.

Alex ließ sie los.

Der besondere Moment war vorbei.

Er entfernte sich rückwärts von der Verandatreppe.

„Mach’s gut", flüsterte sie.

„Wir sehen uns", antwortete er.

Und sie hoffte von ganzem Herzen, dass er das ernst meinte.

 

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"Sara, hey."

Na geht doch, dachte sie. Ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen und sie fragte sich, ob, wenn sie sich etwas anderes, größeres gewünscht hätte, es auch in Erfüllung gegangen wäre. Sanft umarmte sie Alex. Wie gut er wieder aussah.

"Hey." Sie lächelte ihn an.

"Was fürn Zufall, dass du auch hier bist."

Ohja, was für ein "Zufall". Sara lief schon geschlagene drei Stunden in der Stadt herum, nirgendwo ein Lebenszeichen von Alex. Eigentlich hatte sie die Hoffnung schon aufgegeben, als sie ihn hier, in der versifftesten und ältesten Ecke der Altstadt gefunden hatte. Alex war schon sehr naiv, wenn er glaubte, sie hätte sich nur "zufällig" hier verirrt. Sie betrachtete die alten Fensterläden eines Hauses. Die Wand war vom Regen völlig verdreckt und auch die anderen Häuser waren in keinem besseren Zustand. Der Gedanke, Alex könnte in eines dieser Häuser wohnen, schreckte sie ab.

Dicht hinter ihm standen einige Leute, die sie musterten; die einen interessiert, die anderen misstrauisch und wieder andere schienen sie zu kennen. Sie suchte die Menge nach einem bekannten Gesicht ab, erkannte aber nur das schwarzhaarige Mädchen, die an dem Tag, als Alex Geld von ihr geliehen hatte, mit dabei gewesen war. Jedenfalls glaubte Sara, dass sie es war.

"Was machst'n hier?"

Oh nein, da kam die Frage, die sie eigentlich nicht hören wollte.

"Ach, ich musste nur gucken, ob in der Second-Hand-Boutique eine Straße weiter ein Oberteil, das meine Mutter unbedingt wollte, noch da ist. Damit sie es nachher abholen kann." Gott, was bist du nur für eine schreckliche Lügnerin, Sara. Aber etwas Besseres war ihr nicht eingefallen. Doch entweder hatte er ihr nicht zugehört, er war völlig bescheuert, er hatte ihre Lüge akzeptiert oder ihm war die Tatsache entgangen, dass sie es auch einfach gleich für ihre Mutter hätte holen können. Was es auch war, er antwortete nur mit einem "Achso."

Alex drehte sich zu seinen Freundem um. Dann kratzte er sich am Kopf. "Die dir alle vorzustellen, würde zu lange dauern, aber der Haufen gehört zu mir."

"Der Haufen", wie Alex sie so schön beschrieben hatte, beachtete sie nicht weiter und fuhren angefangene Gespräche fort, rauchten Zigaretten weiter, nippten hin und wieder an ihrem Bier und lachten und alberten miteinander herum. Im Großen und Ganzen ein bunter "Haufen", der Sara einen recht sympathischen Eindruck machte.

Ein muskulöser, dunkelhaariger Junge in Alex' Größe kam auf sie zu.

"Hey, alter, gehört die zu dir oder darf ich auch was von ihr haben?" Er wartete die Antwort nicht ab und Sara glaubte auch nicht, dass er eine erwartet hatte.

Dieser Junge, dessen Name sie immer noch nicht wusste, lächelte sie nett an und streckte ihr die Hand entgegen.

"Hi, ich bin Peter."

Okay, nun wusste sie ihn. Das war also Peter. Der Peter, von dem alle immer so größe Töne spuckten. Der "legendäre" Peter, der für seine Partys bekannt war. Sara schätzte ihn auf zwanzig. Was bewegt Zwanzigjährige, sich mit einem Vierzehnjährigen abzugeben?, fragte Sara sich. Dann stellte auch sie sich vor.

"Sara." Sie erwiderte sein schönes Lächeln und nahm seine Hand.

Alex schien gereizt. "Reicht jetzt schon mit diesen Begrüßungen" und fügte, an Sara gewandt, hinzu: "Wie sieht's aus, lust auf shoppen? Ich zahl auch."

Er lachte. "Und sag nicht nein, ich weiß wie scharf ihr Mädchen auf diese Shoppingtouren seid."

Sara wollte antworten, aber Peter kam ihr zuvor und prustete los.

"Ich zahl auch", imitierte er Alex' Stimme. "Als ob du nicht grundsätzlich pleite wärst."

Er lachte erneut und guckte Sara an. "Hey, hör nicht auf ihn, der wird nachher "zufällig" seinen Geldbeutel vergessen und du wirst die ganze Scheiße selber zahlen müssen."

Alex boxte seinem Kumpel einmal kräftig in die Magengrube, sodass dieser sich krümmte.

"Halt die Klappe."

Mehr oder weniger grob packte er Sara am Arm und zog sie mit sich, während Peter sich bemühte, ihm ein "Wichser" hinterherzurufen.

Sara verzog das Gesicht, als ihr Arm anfing zu schmerzen. Aber sie sagte nichts. Als Alex sie kurz anguckte und auch er bemerkte, dass er sie noch immer am Arm festhielt, ließ er sie schlagartig los. Sein harter Gesichtsausdruck verschwand und mit einem Blick auf Sara's Arm blieb er stehen.

"Scheiße, sorry."

An ihrem Arm waren rote Streifen und man sah genau, wo Alex sie gepackt hatte.

"Ich wollte dir nicht wehtun." Er schien ernsthaft besorgt und das ließ den Schmerz in ihrem Arm verschwinden.

"Schon gut, nichts passiert."

Alex war nicht davon überzeugt, ließ es damit aber auf sich beruhen. Er zündete sich eine Zigarette an. Sara wartete, bis er fähig war zu reden und sprach ihn auf die ebengeschehene Szene an.

"Was war das denn?"

"Was meinst du?" Sie war sich sicher, er wusste genau, wovon sie sprach.

"Das vorhin, mit Peter. Ich dachte, ich wärt gut befreundet."

Er zuckte mit den Schultern. "Wir sind gut befreundet. Das war nichts im Gegensatz zu manch anderen Situationen."

Sie fragte sich, was er damit meinte aber sie ließ es bleiben, ihn danach zu fragen. Männer mussten sich eben ab und zu streiten und sich die Köpfe einhauen. Das lag in ihrer Natur. Oder so, fügte Sara gedanklich hinzu. Für sie war es unbegreiflich aber ihr war ja schon erzählt worden, wie reizbar Alex ab und zu war und wie oft er sich auch mal schlägerte.

Plötzlich spürte sie, wie ein Tropfen auf ihre Schulter fiel. Ein "Huch!" entschlüpfte ihr.

Alex grinste sie an und verstand anscheinend, was sie so überrascht hatte und wischte mit einem Finger den Tropfen von ihrer Haut. Ihr lief ein wohliger Schauer über den Rücken.

"Wenn wir uns nich' beeilen, werden wir klatschnass."

Also liefen sie fest entschlossen auf einen H&M zu, Alex etwas dichter an ihrer Seite als gewöhnlich. Sein Arm streifte ihren ab und zu. Ein paar Menschen hatten schon Zuflucht unter der Unterdachung gefunden, der sie vor dem anfangenden Regen schützte. Ein Mädchen in ihrem Alter lächelte Alex zu und formte ein "Hey" mit den Lippen. Sara beobachtete aus den Augenwinkeln, wie er ihr ein kleines Lächeln schenkte und ihr kaum merklich zunickte. Er lief unbeirrt weiter, während Sara einen kleinen Stich verspürte.Jetzt werd nicht gleich eifersüchtig, ermahnte sie sich. Trotzdem gingen ihr die Fragen nicht aus dem Kopf. Wer war das Mädchen? Woher kannte er sie? Wieso tat er so, als hätte er sie nicht gekannt? War er auch einmal mit ihr shoppen gegangen, wie er gerade mit ihr shoppen ging? Oder Eis essen? War da sogar mehr gelaufen? Sara stapfte auf einen Kleiderständer zu, ohne, dass es sie wirklich interessiere, was da so herumhing. Alex folgte ihr auf Schritt und Tritt.

"Komm. sag es schon."

Sie fuhr zu ihm herum.

Er imitierte ihre Stimme. "Wer war das Mädchen da vorne am Eingang, wieso hat sie dich gegrüßt, hattest du mal was mit ihr? Komm schon, ich seh's in deinen Augen, dass du's wissen willst."

Sara hatte das Gefühl, dass sie rot wurde und fischte irgendein belangloses Oberteil aus der Reihe heraus, merkte aber, dass es gar nicht ihre Größe war und hing es schnell wieder zurück.

"Stimmt ja gar nicht, ich hab sie nicht einmal bemerkt", log sie.

"Du tust es ja schon wieder.", antwortete Alex lachend.

"Was?" Verständnislos sah sie ihn an.

"Lügen."

"Tu ich nicht."

"Schon wieder."

"Ich hab nicht gelogen!", beharrte sie weiterhin.

"und schon wieder. Petrus wird dich nicht in den Himmel lassen, wenn du so weitermachst."

Sie lachte. "Darüber solltest du dir eher Gedanken machen als ich.."

"Hölle wär mir auch recht."

"Wieso?"

Amüsiert blickte er sie an. "Ich mags gern heiß."

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. Das mit seinen Zweideutigkeiten würde wohl nie aufhören. Alex war für einen kleinen Augenblick verschwunden, tauchte dann urplötzlich wieder neben ihr auf.

"Komm mit."

Er hielt mit der einen Hand etwas hinter seinem Rücken versteckt. Sara konnte nicht enmal protestieren, da nahm er sie schon an der Hand und führte sie zu den Umkleideräumen. Was sollte das denn werden? Ein kleiner Gedanke schlich sich in ihren Hinterkopf ein, den sie aber gleich wieder abschüttelte. Nein, dachte sie. Das würde er nicht wagen.

Er führte sie in eine Kabine und hängte etwas an den Haken.

"Hier." Er deutete auf das Kleidungsstück, dass Sara nicht so genau sehen konnte, weil er noch immer im Weg stand.

"Zieh das an." Alex ging einen Schritt zur Seite.

Sara blieb der Atem weg, als sie es sah. Ein leichtes Sommerkleid, elegant und trotzdem nicht zu aufreizend. Es traf genau ihren Geschmack.

"Und? Gefällt's dir?"

Sie blickte immer noch fasziniert aus das Kleid.

"Es ist der Wahnsinn", antwortete sie.

"Und es wird dir stehen also probier's schon an."

Sie drehte sich ein Stück zu ihm um und sah, wie nah er an sie stand. Zu nah. Sie hob das Gesicht, um ihn anzugucken. Er hielt ihrem Blick stand und Sara stand wie elektrisiert da. In ihrem Kopf herrschte Chaos und ihr Herz klopfte wie wild. Seine Hand tastete nach ihrem Oberteil; wollte er ihr etwa beim Ausziehen helfen? Vor Nervosität schlug sie nach seiner Hand.

"Umziehen kann ich mich schon selber."

Gott, wie er sie verunsicherte. Belustigt trat er einen Schritt zurück.

"Na dann mal los."

Er verschränkte die Arme und beobachtete sie.

Hastig schob Sara ihn nach draußen.

"Idiot!", murmelte sie.

Sie hörte, wie er vor der Tür lachte. Er glaubte doch nicht tatsächlich, dass sie ihn hier innen ließ, während sie sich umzog? Sie guckte sich in dem Spiegel an. Ihre Wangen waren gerötet. Ihre Brust hebte und senkte sich und sie versuchte sich zu beruhigen. Sie warf einen Blick aufs Etikett des Kleides. Es war genau ihre Größe. Wieso wusste er, was für eine Größe sie hatte? Sie schüttelte den Kopf. Vermutlich hatte er einfach nur auf gut Glück irgendein Kleid herausgerissen. Was verstanden Männer schon von Mode? Andererseits, angesichts dieses Kleides und der Kleidung, die er immer trug, hatte er einen äußerst guten Geschmack. Schnell schlüpfte sie aus ihre Jeans und legte ihre Jacke, den Schal und ihr Oberteil ab. Sie nahm das Kleid vom Bügel und strich kurz über die goldenen Ränder, die das weiße Stück verzierten. Dann öffnete sie den Reisverschluss an der Hinterseite, stieg in das Kleid und zog es nach oben. Sie versuchte den Reiverschluss ganz zuzuziehen, schaffte es aber nicht.

„Alex?“ Sie öffnete die Umkleidetür einen Spalt und lugte nach außen. „Kannst du mir kurz helfen?“

Keine zwei Sekunden später stand er mit ihr in dem Raum vor dem Spiegel. Sara hob ihre Haare hoch und zeigte auf den Reisverschluss.

„Hier. Ich krieg den nicht ganz zu.“

Während sie ihn im Spiegel beobachtete, zog er ganz langsam und sanft den Reisverschluss hoch. Dann nahm er zwei Teile, die man zu einer Schleife binden konnte, erwiderte ihren Blick im Spiegel und vollendete sein Werk. Dabei ließ er sie keinen Augenblick aus dem Auge. Sara bemühte sich um ein kleines Lächeln. Ihr Herz klopfte wie verrückt.

Als er das letzte mal zuzog, damit die Schleife auch gut saß, ließ Sara ihre Haare los und er von ihr ab. Sie betrachtete sich kritisch im Spiegel. Klar, das Kleid war schön, aber sie selbst war nicht von ihrem Anblick überzeugt. Sie würde äußerlich niemals zu Alex passen. Er war so hübsch, strahlte so viel aus, was sie nicht in Worte fassen konnte.

Als hätte er ihre Zweifel gehört, beugte er sich zu ihr vor und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

„Du bist wunderschön.“

Und jetzt lächelte auch er.

 


Nachdem er ihr das Kleid und sie ihm ein Oberteil, das ihr besonders gut gefallen hat, geschenkt hatte, liefen sie zusammen auf den Ausgang zu.

„Oh scheiße.“, entfuhr es ihr.

Der Regen hatte sich verstärkt und außen regnete es in Strömen. Sie hatten keine Möglichkeit, nach außen, geschweige denn nach Hause zu gelangen.

Dachte sie jedenfalls.

Alex dagegen hatte ganz andere Pläne im Kopf und zog Sara an der Hand mit in den Regen.

„Ohgott! Alex!“, kreischte sie beinahe. Als Antwort lachte er und sie fiel in sein Lachen mit ein. Sie hielt sich die Hand über den Kopf, merkte aber bald, dass das nicht viel brachte. Sie schloss die Augen, immer noch seine Hand haltend, hebte ihren Kopf und ließ die Regentropfen über ihr lächelndes Gesicht laufen.

Was für ein verrückter, herrlicher Tag.

Alex zog sie an der Hand. „Komm, wir laufen zu dir nach Hause.“

Laufen? In dem Regen? Sie würden mindestens eine halbe Stunde unterwegs sein. Und pitschnass werden. Aber das waren sie sowieso schon.

Sara traute ihren Ohren nicht recht, als sie nickend zustimmte. Sie, die den Regen so verabscheute. Sie, die hier, glücklich im Regen, die Hand des wunderbarsten Jungen der Welt hielt. Sich Geschichten erzählend, immer mal wieder gegeneinander baumelnd, herumalbernd, machten sich auf den Weg zu Sara nach Hause. Alex blieb vor einer großen Pfütze stehen und hüpfte mit einem großen Sprung hinein. Das Wasser spritzte an ihre Hosen und in ihren Schuhen bildete sich bereits eine Wasserlache.

„Du bist ein Spinner, Alex.“

Sie lachte, hüpfte aber im selben Moment in eine weitere Pfütze – die es, nebenbei erwähnt, in unzähligen Mengen gab – und fing an, wild zu tanzen. Was war nur in ihr gefahren? Wo war das schüchterne, kleine Mädchen hin, der solche Aktionen eigentlich peinlich waren? Aber vor Alex war ihr das egal. Sie konnte endlich die sein, die sie war und sein wollte. Sie brauchte sich für nichts zu schämen. Lachend umarmte er sie und sie schlang beide Arme um seinen Hals.

„Und da sagst du Spinner zu mir.“

Sein Atem kitzelte ihren Hals und sie zuckte kichernd zurück. Sie liefen weiter, nass und glücklich. Während sie ihm die verschiedensten Dinge aus ihrem Leben erzählte, von denen sie glaubte, dass es ihn eigentlich nicht interessierte, er aber trotzdem erwartungsvoll zuhörte, verging die Zeit. Der Regen aber blieb und – als wäre es nicht schon schlimm genug – verstärkte sich sogar. Als kleine Hagelkörner auf sie abregneten, fingen sie an zu rennen und blieben schließlich schweratmend vor Sara's Haustür stehen. Sie zog den Schlüssel hervor.

„Sind deine Eltern zuhause?“

Sie schüttelte den Kopf, schloss die Tür auf uns versuchte Alex' Gedanken hinter dieser Frage zu erraten. Anhand seines Lächeln wusste sie, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Schnell schlüpfte sie aus ihren Schuhen und zeigte Alex, wo er seine Schuhe hinstellen sollte.

Sara merkte, dass sie am ganzen Körper zitterte.Sie war völlig abgekühlt und beschloss, so schnell wie möglich aus ihren Klamotten zu kommen. Sie blickte an sich herunter. Ihr hellgelbes Top war durchsichtig geworden aber sie kümmerte sich nicht darum. Sara voran stiegen sie zusammen die Treppe hinauf. Sie öffnete ihre Zimmertür und sie hoffte insgeheim, er fände es nicht zu kindisch, zu hell, zu sauber, zu merkwürdig etc. etc.

Anerkennend pfiff er durch die Zähne, als er das Zimmer betrat.

„Nett, nett. Habt 'ne Menge Kohle, was?“

Verlegen wechselte Sara von einem Fuß zum Anderen.

„Es geht..“, murmelte sie vor sich hin. Und das meinte sie auch so. Aber für ihr Zimmer hatte sie hart gearbeitet, alles selber bezahlt, gestrichen, dekoriert. Es freute sie, dass es ihm gefiel. Aber das sagte sie ihm natürlich nicht.

Alex drehte sich zu ihr um und sein Blick blieb an ihrem Oberteil hängen.

Er grinste.

„Willst du das nicht langsam mal ausziehen?“

Ironisch grinste sie zurück. „Klar, wenn du mal aus dem Zimmer verschwinden könntest.“

Er grinste noch mehr, als hätte er die Antwort schon erwartet.

„Nö.“

Ha, aber damit würde sie sich nicht geschlagen geben. Sie öffnete den Schrank, holte sich ein paar Kleidungsstücke heraus und stapfte anschließen auf ihre geschlossene Zimmertür zu.

„Okay, dann verschwinde eben ich.“

So überlegen, wie sie sich in dem Moment vorkam, so unterlegen fühlte sie sich, als sie merkte, dass ihre Tür abgeschlossen war.

Alex hielt den Schlüssel grinsend vor ihr Gesicht.

„Na, suchste' den hier?“

Verzweifelt versuchte sie, ihm die Schlüssel zu entreißen, musste aber schon bald aufgeben. Das hatte keinen Zweck.

Er grinste sie weiterhin an. „Schon blöd, wenn's keine Umkleidetür gibt, die uns trennt, mh?“

Beleidigt hockte Sara sich auf ihr Bett und verschränkte die Arme.

„Okay, dann warte ich eben so lange, bis du den verdammten Schlüssel hergibst.“

Provozierend baute er sich vor ihr auf.

„Ach komm, du musst doch total frieren. Nicht, dass du dir noch eine Erkältung holst. Wie unverantwortlich du mit deiner Gesundheit umgehst!“ Gespielt empört schüttelte er den Kopf.

„Mir is überhaupt nicht kalt.“

Zu allem überfluss fingen ihre Zähne an zu klappern. Ihr war unglaublich kalt.

„Ach nein? Dann zitterst du also aus Nervosität?“

War ja klar, dass ihm so ein Detail nicht entgeht, dachte Sara.

„Aber hey, ich kann dich voll und ganz verstehen. Muss schon aufregend sein, so allein, in meiner Anwesenheit.“

Sie schmiss die Hose, die sie sich zurechtgelegt hatte, nach ihm. Lachend wich er ihr aus.

„Ich dreh mich auch um.“

Als würde er seine Worte unterstreichen wollen, kehrte er den Rücken zu ihr. Zögernd stand sie auf. Sie traute ihm nicht. Aber sie hatte keine andere Wahl, als ihm zu vertrauen. Sie musste so schnell wie möglich aus ihren nassen Klamotten kommen, sonst würde sie wirklich noch krank werden. Sie lief in die hinterste Ecke ihres Zimmers und drehte sich mit dem Rücken zu ihm um, während sie schnell aus ihrer Hose schlüpfte, ihr Oberteil über den Kopf zog und sich eilig bemühte, in ihre trockenen Klamotten zu kommen. Als sie den Knopf ihrer Jeans schloss, drehte sie sich um, um ihm zu verkünden, er könne sich nun ebenfalls umdrehen. Aber zu ihrer Überraschung stand er, die Arme verschränkt und mit dem Gesicht, auf der sich ein amüsierter Ausdruck spiegelte, zu ihr gewandt da.

„Also, ich weiß ja gar nicht, was du vor mir verstecken wolltest. Hast doch 'nen geilen Arsch.“

„Du Blödmann!“

„Oh, Entschuldige meine Ausdrucksweise. Netter Hintern.“

Wütend schleuderte sie ihm ihr nasses Oberteil entgegen. Und mit ihm einen weiteren bösen Ausdruck.

„Toller Po? Also langsam gehen wir wirklich die Wörter aus.“

Sara schlug weiterhin mit dem Oberteil auf ihn ein, welchem Alex, die Hände schützend vor sich haltend und lachend versuchte, auszuweichen.

Schnaubend ließ sie von ihm ab.

„Du hast gesagt du drehst dich um!“

„Ich hab mich ja auch umgedreht. Wir haben nur nicht ausgemacht, für wie lange.“

Und die Schlacht ging weiter.

Es endete damit, dass sie beide lachend zusammen auf den Boden fielen. Sara legte ihren Kopf auf seine Brust und er strich ihr durchs Haar.

„Komm schon, hast du wirklich geglaubt, ich würde mir so eine Gelegenheit entgehen lassen?“

Sie boxte ihm in den Bauch.

„Idiot.“

Aber sie meinte es nicht ernst. Die Hand noch immer an der Stelle, wo sie ihn geboxt hatte liegend, befühlte sie auf einmal sein T-Shirt. Er war ja genauso nass!

Sie richtete sich auf und guckte Alex an.

„Jetzt bist du aber dran mit dem Ausziehen.“

Lachend beeilte er sich jetzt auch aufzustehen. Er holte die „H&M“-Tüte hervor, riss an seinem neuen T-Shirt das Etikett entschlossen ab und legte es auf eine Stuhllehne neben ihm. Dann zog er sich sein nasses Oberteil aus und sie musterte ihn schamlos. Er hatte kräftige Oberarme und einen tollen Körper.

War ja klar, dass so ein Junge nichts hat, das nicht perfekt ist, dachte sie.

Und plötzlich sah Sara sie. Eine lange, rosa Narbe zog sich von hinter seinem Hals durch die Mitte seines Brustkorbs. Sie erschrak und kurz darauf war die Narbe wieder von seinem T-Shirt verdeckt.

Sie ohrfeigte sich innerlich für ihre Neugier, aber sie musste ihn einfach fragen.

„Woher hast du die Narbe?“

Er erwiderte nichts, sah sie nicht einmal an und legte das nasse T-Shirt auf die Heizung neben ihrer Hose. Dann zog er ein völlig aufgeweichtes Päckchen Zigaretten aus seiner Hosentasche und fing an, eine zu rauchen. Sie trat auf ihn zu.

„Kanns sein, dass du ziemlich viel rauchst?“

Er strafte sie mit einem kalten Blick. Mist, falsche Frage. Und natürlich – was hatte sie auch anderes erwartet – gab er ihr keine Antwort.

Wieso war dieser Junge so schweigsam? Auf der einen Seite war ihm kein Kommenar zu viel, auf der anderen Seite durfte man selbst keinen falschen Kommentar abgeben. Sara hatte Angst etwas Falsches zu sagen und überlegte sich krampfhaft ein Thema, bei dem sie nichts verkehrt machen konnte.

Und schließlich rettete Alex sie.

„Ich hab auch 'nen Balkon.“ Er lächelte sie an.

„Bloß ist meiner viel kleiner und die Aussicht ist auch nich' so geil.“

Vorsichtig fragte sie ihn:

„Kann ich auch mal zu dir nach Hause?“

Sie hoffte, er würde es nicht schlimm finden, dass sie fragte. Alex zuckte nur mit den Schultern, zog an seine Zigarette und antwortete.

„Bestimmt. Irgendwann mal.“

Und damit musste sie sich vorerst zufrieden geben.

Nachdem er seine Zigarette geraucht hatte, begleitete ihn Sara nach unten. Ihre Hand in seiner.

Sie öffnete ihm die Haustür und guckte ihn unschlüssig an. Sollte sie ihn nach einem weiteren Treffen fragen? Würde das aufdringlich kommen?

Und mal wieder war Alex derjenige, der ihr aus der Situation half – wie so oft.

„'Ne Freundin von mir hat morgen Geburtstag. Also wenn du nichts Besseres heute Abend vor hast, wär's cool, du würdest auch kommen. Chiara geht auch, sie wird dich schon mitnehmen.“

Sara, die innerlich schon begierig zustimmte, gab sich ganz als das beschäftigte Mädchen, das erst in ihrem Terminkalender gucken musste, ob sie noch Zeit finden würde.

„Ja, okay. Mal gucken.“

Dann erinnerte sie sich an seine Worte.

„Wenn das Schicksal es so will.“

Er grinste. „Das Schicksal kann mich mal.“

Und mit diesen Worten spazierte er davon. Die Hände ganz lässig in die Hosentasche gesteckt.

Was für ein Junge, dachte Sara und sah ihm noch lange nach.

 

  

 #



Vom Glück berauscht wankte sie die Treppe hinauf. Stufe für Stufe. Ihr rechte Hand berührte das Treppengeländer aus Angst, hinzufallen. Sara presste die Lippen aufeinander um nicht vor Freude aufzuschreien. Ihr ganzer Körper bebte. Was zum Teufel hatte sie getan, dass Gott es so gut mit ihr meinte? Es war perfekt. Es war mehr als perfekt. Er war perfekt.
Vorsichtig betrat sie ihr Zimmer und ließ das Geschehen revue passieren. Sie strich mit den Fingern leicht über die Stuhllehne; hatte Angst, die Erinnerung zu verlieren. Oder nur zu träumen. Ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, ihr Herz schlug wild. Wie betäubt stand sie da. In dem Zimmer, in dem sie vor ein paar Minuten nicht allein gewesen war. In dem Zimmer, wo vor wenigen Minuten ihr Lachen den Raum erfüllt hatte.
Sie ließ ihre Augen den Wänden entlang wandern und ihr Blick blieb an der Heizung hängen. Überraschung lähmte sie für einen Augenblick. Dann trat sie näher, um alle Zweifel zu beseitigen. Tatsächlich. Ihre Hand fuhr über den noch feuchten Stoff und Sara bemühte sich, dem Drang zu widerstehen, das Oberteil überzuziehen. Und da lag es. Sein Tshirt. Welches er mit Sorgfalt auf ihre Heizung zum Trocknen gelegt hatte. Ohne nachzudenken sputete sie die Treppe hinunter und zog hastig ihre Jacke an. Es war zwecklos, Alex noch irgendwie hinterherrennen zu wollen. Er wäre sowieso schon längst Zuhause. Aber das hatte sie auch gar nicht vor. Eine kleiner Plan nestete sich in ihren Kopf. Und so schnell würde der da nicht mehr herauskommen.
Wenn sie sich beeilte, würde sie den Bus noch schaffen. Sie beschleunigte ihren Schritt und das Glück schien es heute gut mit ihr zu meinen, da der Bus gerade heranfuhr, als Sara ankam. Mit einem Lächeln auf den Lippen begrüßte sie den Busfahrer und setzte sich auf ihren Stammplatz. Als sie es sich gerade bequem machen wollte, stellte sie fest, dass sie aussteigen musste. Kam es ihr nur so vor oder ging die Zeit heute schneller vorbei als sonst? Sara zuckte mit den Schultern. Was soll's. Kam ihr sowieso gerade recht. Je eher, desto besser. Sie lief die ihr so vertrauten Straßen entlang und wiederholte ihren vorbereiteten Text zum hundertsten Mal in ihrem Kopf. Sie wünschte sich so sehr, dass ihr Plan aufgehen würde. Vorsichtig öffnete sie das Gartentor des Hauses ihrer besten Freundin, stieg die Stufen zur Haustür hoch, klingelte und wartete. Sara hörte, wie der Klang der modernen Türglocke nachhallte. Und dann, nach gefühlten Stunden öffnete ihr Chiara.


„Hey, was machst du denn hier?!“
Tja, stimmt eigentlich, was machte sie überhaupt hier?
Aber sie konnte nicht anders und platzte sofort mit der Frage heraus.
„Wo wohnt Alex?“
Chiara musste lachen. „Schon wieder Alex?“
Doch dank eines flehentlichen Blickes, machte sie sich 5 Minuten später auf in die andere Richtung. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen als sie die kleine Gasse am Bahnhof entlang ging, die zu seinem Haus führte. Sie hoffte, er würde nicht wütend werden. Immerhin war er ihr immer ausgewichen, wenn es darum ging, wo er wohnte und ob sie ihn besuchen dürfte. Aber nichts auf der Welt konnte sie jetzt noch aufhalten. Das Verlangen, ihn wieder zu sehen war einfach zu groß. Und da er ja praktischerweise sein Tshirt vergessen hatte, war sie ja fast dazu gezwungen, es ihm wieder zu geben. Fast, wiederholte sie schmunzelnd. Sara konnte schon den Balkon an der Hinterseite des Hauses sehen, von dem Alex geredet hatte. Das war allerdings schon alles, was sie erkennen konnte. Als sie um den Block gelaufen war und schließlich an der richtigen Adresse angelangt war, dachte Sara, dass sie bald vor Aufregung sterben würde. Das Haus sah leicht heruntergekommen aus, wirkte jedoch auf irgendeine komische Art und Weise einladend. Links neben der Haustür stand eine Bank, die von hübschen Blumen geschmückt worden war. Ob das seine Mutter gemacht hatte? Wie sie wohl sein würde? Alex hatte nie wirklich etwas von seinen Eltern erzählt. Der Gedanke, sie bald kennenzulernen schnürte ihr den Hals zu. Aber sie konnte jetzt nicht länger hier herumstehen und auf etwas warten, dass sowieso nie passieren würde. Zitternd streckte sie ihren Finger zur Klingel aus – Augen zu und durch – und drückte sie. Sie hörte, wie eine Tür aufging, geschlossen wurde und die Treppe polterte. Die Tür wurde geöffnet.
Ein Junge, der etwa so groß war wie sie, guckte sie an.
Sara war überrascht. War das ein Freund von Alex? Aber dafür sah er ihm einfach viel zu ähnlich. Er hatte nie erzählt, dass er einen Bruder hatte. Allgemein merkte sie, dass sie eigentlich nichts über ihn wusste.
„Hallo.“
Überwältigt von der Situation, brachte sie nicht mehr aus sich hervor.
„Du willst vermutlich zu Alex?“
Sie nickte noch immer verwirrt.
Der Junge grinste. Die Ähnlichkeit zwischen den Beiden war faszinierend.
„Komm doch rein, er ist oben.“
Benommen zog sie ihre Schuhe aus und hörte mehr im Hintergrund, wie Alex gerufen wurde.
Und da stand sie nun. Mitten im Haus der Winters. Es war geräumig, nicht so, wie sie sich es vorgestellt hatte. Nach dem Eingangsbereich stand gleich rechts der Fernseher mit einem Sofa und einem Tisch, der es vertragen könnte, mal wieder geputzt zu werden. Gleich dahinter war die Küche mit einer Art Theke. Im Gegensatz zu allem anderen war diese merkwürdig sauber. Links von ihr standen Reihen von Bücherregalen, die einem ein heimisches Gefühl vermittelte. Und ein Sessel wie ihrer. Sara atmete ein. Das Haus hatte so einen speziellen Duft, so rein. Es roch genau wie Alex.
„Ich hätte jetzt mit jedem gerechnet, aber nicht mit dir.“
Sara schreckte auf. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Alex bereits bei ihr stand. Sie guckte ihm in die Augen. Schlechte Idee. Wieso mussten seine Blicke auch immer so intensiv sein!? Falls sie eben noch dachte, sie könnte nicht noch mehr verwirrt werden, hatte Alex das um Weiten übertroffen.
„Ich..“
Sie kramte in ihrer Tasche, reichte ihm das Tshirt, schloss die Augen und dachte darüber nach, was sie jetzt eigentlich sagen wollte.
„Hier.“
Wie kreativ.
Überrascht weiteten sich seine Augen.
„Oh.“ Er nahm das Kleidungsstück an sich. „Danke.“
Sara brachte ein kleines Lächeln zustande. „Bitte. Du hattest es bei mir vergessen, also dachte ich..“
Er lachte auf. „Dachtest du was? Holst dir mal eben meine Adresse von sonst wo her und besuchst mich?“
Verlegen guckte sie auf den Boden. Was sollte sie schon sagen?
„Also gut, komm mit hoch. Aber sei nich überrascht, wenn's nicht aufgeräumt ist.“
Er wollte sie also wirklich mit in sein Zimmer nehmen?
Sara konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie ihm die Treppe hoch folgte. Als sie oben ankamen breitete sich ein langer Gang vor und hinter ihnen aus, von dem sich einzelne Türen abzweigten. Hinter ihnen befanden sich links und rechts so schmale Streifen zwischen Treppe und Wand, dass der Weg gerade breit genug war, um hindurchzulaufen und der an einer Tür mitten in der Wand endete, auf die Alex zulief.
Er schwang die Tür auf.
„Willkommen in meinem bescheidenen, unglaublich ordentlichen Reich.“
Sein Sarkasmus war angebracht. Er hatte zwar ein großes Zimmer, welches er allerdings dazu nutzte, eine noch größere Unordnung herrschen zu lassen. Seine Kleidung lag überall auf dem Boden verstreut. Leere Alkoholflaschen standen an verschiedenen Stellen deponiert und der Zigarettengestank war unerträglich. Dass er viel rauchte, war durch die zahlreichen vollen Aschenbecher bewiesen. Teilweise wurden sogar leere Gläser als Kippenfriedhof benutzt. Aber ihn schien weder das, noch die Tatsache, dass Sara das alles mitbekam, zu stören. Er stapfte selbstbewusst über die Kleiderberge und öffnete zu Sara's Erleichterung seine Balkontür.
Sie folgte ihm und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie den Zustand seines Zimmer's irritierte. Ihre Eltern hatten ihr immer von klein auf beigebracht, ihr Zimmer aufzuräumen. Und auch wenn sie es nicht gerne tat, nach spätestens einer Woche hielt sogar sie ihre Unordentlichkeit nicht mehr aus, und räumte freiwillig auf. Das jemand unter solchen Bedingungen zufrieden lebte, konnte sie sich nicht vorstellen.
„Das ist also der berühmte Balkon, ja?“ Sie atmete die frische Luft tief ein.
Er lachte, aber es klang traurig. „So ist es.“
Der Ausblick war fast trostlos. Von hier aus konnte man gerade mal die Aussicht des Bahnhofes genießen.
„Sind die Züge dir nicht ab und zu zu laut?“
„Man gewöhnt sich daran. Mich stört's eigentlich nicht.“
Sara stützte sich mit beiden Händen am Holzgeländer ab und legte ihren Kopf dazwischen. Irgendwie konnte sie verstehen, warum Alex sie nicht mit nach Hause nehmen wollte. Es sah nicht einmal so aus, als würden seine Eltern nicht gut verdienen, aber an der Atmosphäre, die innen herrschte, war irgendwas verkehrt. Sie wusste nur nicht, was. Alex trat hinter ihr und legte die Hände auf beiden Seiten neben ihr aufs Geländer. Augenmerklich verspannte sie sich und ließ die Wärme seines Körpers auf sie wirken. Sie hatte noch nie erlebt, dass die Nähe eines einzigen Menschen sie so aus der Fassung bringen konnte. Lächelnd fiel ihr etwas ein. Sie drehte sich gerade so zu Alex um, dass sie ihm in die Augen sehen konnte. Er jedoch guckte abwesend in die Ferne.
„Ich wusste gar nicht, dass du Geschwister hast.“
Alex erwachte aus seiner Trance und erwiderte ihren Blick.
„Du hast ja nicht gefragt.“
Sein Atem an ihrem Hals ließ sie erschaudern. Sie drehte sich ganz zu ihm um; seine Arme schlossen sie immer noch ein.
„Versteht ihr euch gut?“
Alex lächelte, guckte ihrem Blick ausweichend auf seine Füße, als er antwortete.
„Ja.“ Nickend hob er seinen Kopf und wich einen Schritt zurück.
„Hast du noch mehr Geschwister, von denen ich nichts weiß?“
Sein Lächeln wurde breiter. „Nein, ich hab nur Daniel.“
Die Art, wie er das sagte, bewegte Sara. Sie ließ darauf schließen, dass er seinen Bruder unheimlich gern hatte und, was irgendwie traurig war, er der Einzige war, den er hatte.
„Magst du was trinken?“, fragte er, während er seinen Arm rieb. Diese Geste passte irgendwie nicht zu ihm. Es wirkte fast so, als wäre er nervös. Und Nervosität oder Verlegenheit waren die letzten Eigenschaften, die man mit Alex in Verbindung brachte.
„Wenn's dir keine Umstände macht, gerne.“
„Selbstverständlich nicht.“
Er führte sie den Weg zurück in die Küche, die seltsam verlassen wirkte.
Während sie ihm auf seine Frage, was sie trinken möchte, eine Antwort gab, fiel ihr auf, warum. Sie war beim Hereinkommen weder seiner Mutter noch seinem Vater begegnet. Und da sie, wenn sie an ihre Mutter dachte, sofort auch die Küche miteinbezog, zerstörte das ihr Idealbild.
„Sind deine Eltern denn nicht da?“ Es war schon so spät, dass sie nicht glaubte, dass diese noch arbeiten waren.
Er reichte ihr ein Glas Mineralwasser.
„Sieht wohl so aus.“
„Arbeiten?“
Aex drehte den Kopf weg und machte einen verärgerten Laut.
„Was weiß ich, ist mir auch egal.“
Sara guckte ihn nur stumm an; wusste nicht, was sie sagen sollte.
Stoisch hob er die Augenbrauen und richtete seinen Blick auf irgendeinen Punkt. Seine Gedanken vermutlich weit, weit weg von ihr. Ihr entging das Detail nicht, dass er auf seiner Unterlippe kaute. Wieder so ein Ausdruck, der so, wie sie ihn kannte, nicht zu ihm passte und doch so angemessen erschien und all das ausstrahlte, was er zu fühlen verbergen versuchte. Sie konnte in seinem Gesicht wie in einem Buch lesen, nur, dass sie die Buchstaben nicht erkannte. Sie wusste, dass er etwas vor ihr Geheim hielt, hatte nur keine Ahnung, was. Wie konnte ein Mensch so fröhlich, aufgeschlossen, wortgewandt und gleichzeitig so verschlossen und einsam sein? Sie ahnte, dass es Sachen gab, von denen sie hoffte, sie nie aussprechen zu müssen.
„Wie können Eltern einem egal sein?“
Sie wollte ihn weder verletzen, noch ihn irgendwie provozieren. Aber die Frage beschäftigt sie nunmal.
Verächtlich lachte er auf. „Indem sie es in all den Jahren nicht einmal geschafft haben, sich um uns zu kümmern. Glaub mir, mit diesen Menschen bin absolut fertig.“
Er sagte das alles mit einem Lächeln auf den Lippen, schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf. Es schien, als würde er sich köstlich darüber amüsieren. Doch in seinen traurigen Augen konnte man die Wahrheit lesen. Irgendetwas darin brach Sara das Herz. Wie konnte man nur so verbittert sein? Ihr kamen die Tränen, als sie ihn immer noch ungläubig ansah. Dann, aus reinem Instinkt heraus, stellte sie das Glas auf die Küchentheke und trat einen Schritt näher. Langsam hob sie ihren Arm und streckte ihre Hand zu seiner. Überrascht sah er ihr in die Augen, als er sie ganz sanft ergriff. Sara ließ ihn nicht aus den Augen als sie noch näher rückte und ihn, die Hände hinter seinem Rücken verschlungen, umarmte. Manchmal reichten keine Worte aus, um das ausdrücken zu wollen, was man fühlte und was man seinem Gegenüber gerne vermitteln wollte. Schutz, Trost, Ruhe. Und ein Stück seiner Liebe. Lange standen die Beiden so da, ihre Atmung passten sich einander an, bis es sich so anfühlte, als wären sie Eins. Und plötzlich hatte Sara das Gefühl, dass Alex zum ersten Mal ehrlich zu ihr war. Er sagte nichts, aber er ließ sie die Wahrheit spüren.
Vorsichtig löste er sich ein Stück von ihr, ohne sie jedoch loszulassen.
„Gehst du heute eigentlich mit auf den Geburtstag?“
Der plötzliche Themenwechsel überraschte sie nicht. Ihr war klar, dass sie nur mit viel Geduld Alex dazu bewegen könnte, etwas über sich zu erzählen.
„So wie ich aussehe?“ Sie blickte an sich hinunter; wollte sich nicht vorstellen, wie sehr ihre Haare wohl von ihrem Kopf abstanden.
Alex hob die Hand um eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht zu streichen.
„Du bist schön, wie du bist.“
Eigentlich wäre das wohl der Zeitpunkt gewesen, an der sie sich hätten küssen sollen und in Sara schrie alles danach, dass er den ersten Schritt endlich tat. Doch wider Erwarten guckte er sie nur lächelnd an und machte keine Anstalten, ihr näher zu kommen. Obwohl sie sich das gerade mehr als alles andere wünschte.
Sara ließ ihn los und fuhr sich durch die Haare.
„Ich würd mich zu gern nochmal vorher duschen.“
Alex grinste. „Das kannst du ja hier machen.“
Und bevor Sara etwas einwenden konnte, unterbrach er sie.
„Selbstverständlich alleine, hinter abgeschlossener Tür, weit weg von allen Spannern, die einen Blick auf dieses wundervollen Körper erhaschen wollen.“
Sie musste lachen. „Und damit meinst du jetzt sicherlich nicht dich.“
Er tat – wie so oft – total gekränkt. „Wie kommst du denn auf den Unsinn?“ und für einen kurzen Moment schien es, als hätte er ihr zugezwinkert.
Plötzlich hörten sie ein Gepolter.
Alex' Bruder kam die Treppe heruntergestürmt und wollte sich anscheinend so schnell wie möglich aus dem Staub machen, doch Alex machte ihm einen Strich durch die Rechnung.
„Wohoo, halt. Wo willst du hin?“
Daniel blickte ihn über die Schulter hinweg an, während er ihm antwortete.
„Nur zu nem Kumpel.“
Alex hob die ungläubig die Augenbrauen. „Um die Uhrzeit?“
Sein Bruder musste lachen. „Keine Sorge, ich bin nicht so wie du.“
„Das will ich doch hoffen.“, erwiderte er grinsend.
Komischerweise nahm er es ihm nicht Übel.
Sara beobachtete die Beiden. Sie wirkten wie ein eingespieltes Team und sie fragte sich, was wohl alles passiert sein musste, dass sie so fest zusammengeschweißt waren.
Als Daniel sich höflich von ihr verabschiedet hatte und die Tür hinter sich zugezogen hatte, stupste Alex sie sanft an.
„Na los, rauf mit dir.“
Und wieder erklomm sie mühsam die Treppe und rechnete sich aus, wie viel Kalorien sie wohl dadurch schon verbraucht hatte.
Diesmal gingen sie direkt den Gang entlang und öffneten die Tür ganz hinten links. Und wie alles andere in seinem Haus, war auch das Badezimmer verhältnismäßig groß.
„In dem Schrank unter dem Waschbecken sind ein paar Handtücher und Kosmetikzeugs. Nimm dir einfach, was du brauchst.“
Und mit diesen Worten verschwand er aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu, die Sara daraufhin abschloss.
Sie öffnete das Schränkchen, von dem Alex geredetet hatte und nahm Shampoo und Duschgel heraus. Neben den gestapelten Handtücher lag eine Box mit unzähligen Einwegzahnbürsten. Schien so, als hätten sie öfter Besuch. Sara fühlte sich irgendwie unwohl. Sie war es nicht gewohnt, bei einem Jungen zu Hause zu sein, geschweige denn dort zu duschen. Schnell schlüpfte sie aus ihren Klamotten, stellte sich unter die große Dusche und ließ das warme Wasser auf ihren Körper fließen.
Heute Abend würde sie also auf einen Geburtstag gehen. Mit Alex. Wo vermutlich zahlreiche Freunde von ihm sein würden.
Oh scheiße. Sara glaubte nicht, dass sie besonders gut ankommen würde. Anderseits, Chiara war ja auch da. Was sie wohl sagen würde, wenn sie sie mit Alex sah? Ob sie ihre Meinung endlich über ihn ändern würde?
Sara hatte ihre jedenfalls geändert.
So geheimnisvoll und aggressiv er auch sein mochte, Sara ahnte, dass es in ihm drin ganz anders aussah. Sie mochte ihn. Und auch wenn sie sich mit dieser Aussage auf dünnes Eis begab – Sara glaubte er mochte sie auch.
Nachdem sie sich gewaschen hatte, stieg sie wie neugeboren aus der Dusche. Nicht einmal Make-Up hatte sie hier. Ungeschminkt auf die vielleicht wichtigste Party ihres Lebens? Niemals.
Schnell durchsuchte sie die Badezimmerschränke und wurde fündig.
Sie wusste zwar nicht wem der ganze Kram gehörte und – bei Gott – das wollte sie auch nicht mal wissen, aber Sara war froh um alles, was sie ein wenig älter aussehen ließ.
Als sie die Tür schließlich aufmachte, erschrak sie.
„Wow, das Gerücht ist also wahr.“
Alex stand an der Wand gelehnt und guckte sie gespielt entsetzt an.
Als er merkte, dass Sara lautstark einen Schritt zurückgesprungen war, lachte er los.
„Okay, das ist das beste, was mir heute passiert ist. Du hättest dich sehen müssen.“
Mit diesen Worten machte er sie in übertriebener Form nach.
Er lachte noch einmal und es schien, als wischte er sich Tränen weg.
Sara, die ihn bis jetzt beleidigt angeguckt hatte, konnte sich ein Lachen nicht mehr verkneifen.
„Jaja, total lustig, du Blödmann. Was für ein Gerücht ist wahr?“
Er schien sich langsam einzukriegen.
„Das ihr Frauen ewig im Bad braucht. Aber die Mühe hat sich anscheinend gelohnt, siehst echt wahnsinnig schön aus, jeder wird neidisch sein, darauf kannste wetten.“

Nachdem Alex sich auch zurecht gemacht hatte - und Sara hatte nicht für möglich befunden, das er noch besser aussah als zuvor - waren sie endlich auf dem weg zur Party. Es war ein ganz schönes Stück bis in die Altstadt, doch Sara war froh, dass sie sich kein Taxi gerufen hatten. So konnte sie sich in Ruhe auf die bevorstehende Situation vorbereiten. Das hier war nicht ganz ihre Welt. Sobald sie 16 geworden war, ist sie nur ein mal mit ihren Freundinnen in einen Club gegangen. Sie mochte die Laute Musik nicht, die verschwitzten Körper, die sich teilweise auf eine perverse Art und Weise aneinander rieben. Die Jungs, die hemmungslos Mädchen anbaggerten, ihr vom Alkohol stinkender Atem. Prinzipiell vertrug Sara keinen Alkohol. Ihr wurde schlecht davon und sie hatte es jedes mal bei ein paar Gläsern Sekt belassen. Sie wusste, dass ihr eine Welt bevorstand, an die sie sich erst gewöhnen musste. Sie blickte zu Alex herüber, er schien ganz in Gedanken versunken. Sara dachte an die leeren Flaschen in seinem Zimmer. Er hatte wohl mehr Erfahrung mit Alkohol. In welcher Weise auch immer.
14 Jahre und so - wenn sie es nicht besser wüsste hätte sie asozial gesagt. Aber es war mehr in ihm als diese oberflächliche "mich kann nichts ab"-Masche, das merkte sie.
"Du brauchst nicht nervös zu sein."
Alex weckte sie aus ihren Gedanken. Sie starrte auf ihre Finger, die hektisch mit ihren Nägel spielten. Sie war sich gar nicht bewusst, dass sie so nervös war aber bei dem Gedanken an die Geburtstagsparty überfiel sie wieder die Panik.
Sie sagte nichts und zuckte mit den Schultern. Alex schlang seinen Arm um sie und zog sie näher.
"Wenn ich es nicht bin, musst du es erst recht nicht sein."
Sie lachte auf. "Ja, klar, Als ob ein Alex Winter überhaupt so etwas wie Nervosität empfinden könnte."
Er lächelte und sah ihr in die Augen.
„Was? Meinst du nicht deine Nähe könnte mich nervös machen?“
Sie guckte ihn verblüfft an. Das hatte sie nicht erwartet und er ahnte gar nicht, wie gut ihr die Worte taten.
„Tut sie das etwa?“, flüsterte Sara.
Er wandte sich ab und lächelte in die Nacht hinein.
„Vielleicht.“

7.5.13 20:25
 


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A. (7.5.13 22:20)
Träumerin. ^^ Ich liebe dich.

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